Veganismus und ethische Integrität

Die Wege zum Veganismus sind verschieden, die wenigsten werden als vegane Menschen geboren und erzogen. Bei VegetarierInnen ist das schon öfter der Fall. Alle anderen, die eine nicht-vegane und nicht-vegetarische Kindheit durchlebt haben und sich dann mit steigendem Bewusstsein für das Geschehen außerhalb ihrer unmittelbaren Lebensumwelt dazu entscheiden, weniger Leid verursachen zu wollen, nehmen meist zunächst die Abzweigung in Richtung Vegetarismus. Der vermeintlich richtige Weg, um aus der Leidensmaschinerie auszusteigen – der sich (hoffentlich) bald als Irrweg entpuppen wird – erscheint sinnvoll unter der Prämisse, dass der Verzehr von Produkten, die nur vom lebenden Tier stammen, kein Leid verursachen würde. Pustekuchen.

Was uns daran hindert, hier zu stoppen, ist das Streben nach ethischer Integrität, nach einer ethisch stimmigen Lebensweise. Um beurteilen zu können, was ethisch stimmig wäre, benötigen wir Informationen. Hierbei scheinen wir unseren Fokus natürlicherweise zunächst auf das zu legen, was Unwiderbringlichkeit, Endgültigkeit vermittelt. Gemeint ist der Tod. Er erscheint uns als das, was es zu stoppen gilt, wir wissen, wer gestorben ist, kommt nicht zurück. Der Gedanke lässt sich auch einfacher mit der Lebensrealität verknüpfen: Selbst bei den Filetstücken, die optisch nicht mehr der Erscheinung des einst lebenden Tieres zuzuordnen sind, ist es leichter zu verstehen, dass da etwas Totes auf dem Teller liegt, als sich auszumalen, wie viel Leid die Milch im Müsli wohl verursachen mag. Tod ist tot ist tot.

Aber das Wissen hört hier nicht auf. Wer sich darüber informiert, wie Schweine gemästet und geschlachtet werden, wird, vielleicht erst nach einem zweiten oder dritten Anlauf, auch über Kühe weinen, die von ihren Kälbern getrennt werden und fassungslos werden beim Gedanken an kleine Küken in der Schreddermaschine.
Hat er sich zwar zunächst auf die Vermeidung des Offensichtlichen (= eindeutig Todbringenden) beschränkt, wird ein Mensch, der über genügend Empathiefähigkeit, Mitgefühl, Authentizität und Rückgrat verfügt, hier nicht verharren. Warum? Er wird, gestützt durch wachsendes Wissen, mit einer Diskrepanz zwischen seinen Ansichten/Meinungen und seinem Verhalten nicht dauerhaft fertig werden. Er will zunehmend einen Gegenpol darstellen zu einer Gesellschaft, die auf dem Falschen beruht. Er will auch unbestechlich sein, sich selbst nicht in die Tasche Lügen, nicht korrumpierbar sein. Er will alle Konflikte zwischen seinem Handeln und seinen Werten auflösen. Das ist kein Phänomen unserer Zeit, sagt doch Kant in seiner Metaphysik der Sitten (1797) genau das:

„Der Mensch, als moralisches Wesen, ist sich selbst gegenüber zur Wahrhaftigkeit verpflichtet."

Der Mensch wird merken, dass er das nicht in jedem Bereich gleich gut und/oder gleich schnell bewerkstelligen wird. Was ist mit dem eingeschweißten Gemüse, das ich schon wieder gekauft habe? Mit den zwei Minuten länger duschen als notwendig, einfach, weil der Luxus mir gerade die Seele streichelt? Mit dem Papier, das eigentlich doppelt hätte bedruckt sein sollen? Mit dem Gegenüber, das ich unbedacht zum Opfer meiner schlechten Laune gemacht habe? Die Annäherung an ethische Integrität ist ein langer Prozess, der wohl bei den wenigsten Menschen je endet. Praktischerweise ist aber die vegane Lebensweise eine Plattform, auf der wir viele Dinge auf einmal angehen können.
Wir sind nicht die Gutmenschen, die wir gerne wären, weil wir auf zu vielen Ebenen versagen. Aber die Einsicht, dass wir zur Selbsttäuschung neigen, mag dabei helfen, uns nicht mit zu wenig zufrieden zugeben. Wozu ist Selbsttäuschung gut? Sie bietet uns Selbstschutz, hilft möglicherweise dabei, den eigenen sozialen Status zu erhöhen. Jedoch erinnert uns Thomas Metzinger an folgendes:

„Die lokale, kurzfristige Stabilisierung des Selbstwertgefühls erzeugt auf globaler Ebene immer wieder unfassbares Leid.“ 1