Vegane Hunde – Jetzt reicht's aber! Oder?

(Kommentar zu einem Artikel in der Badischen Zeitung)

Es ist immer spannend, wie engagiert manche Menschen plötzlich sind, wenn es darum geht, dass VeganerInnen sich entscheiden, ihre Kinder oder, in diesem Fall, Hunde ebenfalls vegan zu ernähren. Da wird dann schnell das Stichwort „(nicht) artgerechte Haltung“ gebraucht, während es genau diese Menschen sind, die sich mit einer Art „politisch korrekter“ und daher akzeptablen Nutztierhaltung vollkommen zufrieden geben würden. (Siehe hierzu die „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“ vom Wissenschaftlichen Beirat Agrarpolitik.) Nein, eigentlich geben sich diese Menschen vermutlich mit der aktuellen Tierhaltung auch schon zufrieden. Und es ist ja auch praktisch, wenn dabei allerhand Müll anfällt, der noch an die lieben Tierchen daheim verfüttert werden kann.

Dabei ist die wichtigste Frage wohl jene, ob das biologisch für den Hund überhaupt funktioniert. Der Hund ist biologisch gesehen keineswegs ein Fleischfresser, sondern ein Allesfresser, ein Omnivor. Er würde sich in freier Wildbahn sowohl von pflanzlichen als auch von tierischen Bestandteilen ernähren und könnte auch beides gleichermaßen gut verwerten. Das Verhältnis der Darmlänge zu Körperlänge ist bei den Allesfressern etwa mit dem von uns Menschen vergleichbar, es beträgt ca. 6:1. Eine rein pflanzliche Ernährung scheint bei Hunden nach den bisherigen Kenntnissen ebenso machbar, wie diese beim Menschen möglich ist.

Die unbedingte Voraussetzung ist hierbei natürlich, dass dem Hund alle benötigten Nährstoffe zur Verfügung stehen. Er braucht ein Aminosäureprofil, welches mit einer rein pflanzlichen Ernährung allein schwer zu erreichen ist. Jedoch hat sich inzwischen ein eigener Markt für die vegetarische und vegane Hundenahrung entwickelt, bestellbar z.B. über alles-vegetarisch.de, vegan-total.de, rootsofcompassion.org oder veganversand.at. Diese Fertigprodukte enthalten in der Regel alle wichtigen Nährstoffe, Vitamine und Mineralstoffe sowie die benötigten Aminosäuren in der richtigen Zusammensetzung, die ein Hund zum Gesundbleiben braucht. Daher wird von Tierärztinnen und -ärzten auch empfohlen, diese Produkte zu kaufen, anstatt das Essen für den Vierbeiner selbst zu kochen. Eine Kombination von Fertigmischungen und gekochtem Essen plus Rohkost ist aber ebenso machbar.

Im Prinzip argumentieren die GegnerInnen der veganen Hundeernährung also genauso, wie sie vermutlich auch gegen die vegane Ernährung beim Menschen argumentieren würden: Es sei natürlicher, gesünder, ohne Supplemente nicht machbar. Es ist jedoch anzunehmen, dass ein Mensch, der sich bewusst vegan ernährt und sich mit den Besonderheiten dieser Ernährungsform, beispielsweise der Notwendigkeit von Vitamin-B12-Supplementen, auseinandergesetzt hat, auch imstande sein wird, einen Hund verantwortungsbewusst vegan zu ernähren. Ohne dass es diesem an irgendetwas fehlt. Artgerecht ist eine Ernährung dann, wenn sie dem Tier alle Nährstoffe zur Verfügung stellt, die es für ein gesundes Leben braucht. Dabei spielt es keine Rolle, woher diese Nährstoffe stammen.
Wer hier mit Natürlichkeit argumentiert, hat wohl nicht verstanden, dass das, was viele HundebesitzerInnen mit ihren vermeintlich geliebten Tieren anstellen, alles andere als natürlich ist. Das Leben in einer Wohnung ist dabei nur der Anfang, weiter geht es mit völliger Überzüchtung (die viele der GegnerInnen einer veganen Hundeernährung in all den Foren durch den Kauf dieser armen Zuchtergebnisse unterstützen), der Verwendung von Leinen, teilweise gar das Einsperren in Zwinger etc.

Das Geschmacksargument ist ein weiteres: Eine rein pflanzliche Ernährung würde dem Hund nicht schmecken. Er brauche das Fleisch, sonst sei er „unglücklich“. Hunde sind erfahrungsgemäß zwar weniger wählerisch als beispielsweise Katzen, aber natürlich kommt es auch bei ihnen vor, dass sie etwas nicht mögen und dadurch nicht fressen. Die Frage ist nur: Wenn es möglich ist, für den Menschen vegane Fleischersatzprodukte herzustellen, die den Fleischgeschmack zum Teil erschreckend genau nachahmen können, wieso sollte es dann nicht möglich sein, eine vegane Hundeernährung zu entwickeln, die den Hund nicht nur gesund hält, sondern auch geschmacklich befriedigt? Ich persönlich habe noch keinen vegan ernährten Hund kennen gelernt, der nur dann essen würde, wenn er schon komplett ausgehungert ist und die angeblich für ihn nicht wohlschmeckende vegane Ernährung nur aus purer Not fressen würde.

Die Einteilung in Haus- und Nutztiere bedeutet Rassismus bzw. Speziesismus. Siehe dazu auch Lieben oder Essen? oder am besten gleich Melanie Joy: „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“. Diese Unterscheidung ist willkürlich. Und konditioniert. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie notwendig ist. Weder, was unseren eigenen Konsum und unsere Ernährung betrifft, noch, was die unserer „Haustiere“ angeht. Es ist unverständlich, wie die meisten Hunde„besitzerInnen“ ihrem eigenen Liebling eine wichtige Rolle innerhalb der Familie zusprechen, während sie andere, hilflose Tiere dafür leiden lassen, um dem Familienmitglied eine vermeintliche Freude zu machen. Das ist keine artgerechte Tierhaltung, sondern halbseitige Blindheit, mit zweierlei Maß messen, und die Erhebung nicht nur der eigenen Person über andere Lebewesen, sondern auch die Positionierung des „eigenen“ Tieres über unzähligen anderen.

Hunde sind sehr emotionale Wesen. Sie entwickeln sehr intensive Beziehungen nicht nur zu anderen Hunden, sondern auch zu Tieren, die sie in freiem Feld möglicherweise jagen würden, die sie jedoch, sind sie Mitglied der eigenen Familie, durchaus freundschaftlich behandeln. Haben sie schon mal einen Hund gesehen, der mit einem Kaninchen zusammen in seinem Körbchen schlief? Nein? Ich schon. Ich möchte bezweifeln, dass er das Kaninchenfleisch einer pflanzlichen, schmackhaften Mahlzeiten vorziehen würde. Übrigens: Es gibt auch Menschen, die selbst nicht vegan leben, jedoch ihren Hund aus gesundheitlichen Gründen vegan ernähren.

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