Individually protruding vertebrae

"Life is not a dream when you can't wake up from the dream you wanted"

In Han Kangs (한강, Künstlername nach dem Fluss, der Seoul teilt) The Vegetarian (채식주의자) wird der plötzliche Entschluss der Protagonistin zur veganen Lebensweise (sie wird als vegetarisch bezeichnet, verzichtet aber auch auf Milch, Eier und wirft ihre Ledersachen weg) zum Problem für ihre Familie und zur Belastungsprobe für ihre Ehe.

Der Roman zeigt eindrucksvoll, daß der Ethische Veganismus in der Lage ist, „die Bühne um 90 Grad zu drehen“ (Sloterdijk) oder „eine allgemeine Beleuchtung, worin alle übrigen Farben getaucht sind, und die sie in ihrer Besonderheit modifiziert“ (Marx) infrage zu stellen.
Dabei stellt sich unweigerlich die sozialpsychologische Frage schlechthin: „Was ist normal?“.
Die Alterität ist im Spannungsfeld zwischen Irritation und Zumutung ein deregulierendes Ideal in wahrheitsdemokratischen Zusammenhängen und das Anspruchsdenken der Gesellschaft, das daraus resultiert, daß sich Minderheiten in Mehrheiten integrieren und nicht umgekehrt, bleibt ein diskursethisch ungelöstes Problem. Erst recht, wenn die Toleranz dadurch eingeschränkt wird, daß der gesellschaftliche Konsens sich durch das Andere infrage gestellt fühlt.

Han Kang (die selbst vegetarisch bzw. vegan lebt 1) benutzt das als Ausgangspunkt für poetische Erkundungen der verbleibenden Möglichkeiten: Traum, Tod, Transformation.
Dies sind explizit nicht-diskursfähige Orte, wo es keine Konsenstheorie der Wahrheit und der Ethik geben kann.

Die erzählende Literatur zum Thema Ethischer Veganismus war in meinen Augen bislang viel zu sehr darauf bedacht, sich in den diskursiven Raum einzuschreiben (z.B. The Lives of Animals von J.M. Coetzee). Das Emotionale und Intime hat sich dort aber schon längst dem Realen und Öffentlichen untergeordnet (man denke dabei vor allem an David Foster Wallace' resignierende Reportage für ein Feinschmecker-Magazin mit dem Titel Consider the Lobster, die zwar kein fiktionaler Text ist aber dafür umso mehr mit den Schultern zuckt und öffentlich zugibt, daß Verdrängung ein Weg ist, um mit den Dingen umzugehen und sich in jedem zweiten Satz dafür entschuldigt, den Leser mit dem Thema zu konfrontieren). Han Kang bricht aus diesem Schema aus und bleibt dabei so verstörend und surreal wie Magrittes Jeune Fille Mangeant un Oiseau.

The Vegetarian ist in drei Kapitel unterteilt und dessen Ende bleibt relativ offen, wobei der Schluß von Kafkas ebenfalls durch drei teilbare Erzählung Beschreibung eines Kampfes auch das Ende von Yeong-Hye beschrieben haben könnte - der Heldin, die sich immer mehr in einen Baum zu verwandeln scheint und wie Kafkas Astschatten am Ende „umgebogen wie zerbrochen auf dem Abhang lag“.

Han Kang, The Vegetarian, Übersetzung Deborah Smith. Portobello Books, London 2015