Ressourcensicherung, Verminderung von Leiden und Antinatalismus

In einer Gesellschaft, in der die Geburt eines Kindes insgesamt als unumstritten positiv gesehen wird, darf man damit rechnen, sich in eine einsame Ecke begeben zu müssen, um dies zu hinterfragen. Eine Ablehnung der menschlichen Reproduktion widerspricht emotional wie auch biologisch unseren tiefsten Bedürfnisse. Sie erscheint als lebensverneinend, misanthropisch und unsinnig. Scheinbar herrscht die Meinung, dass der Mensch auf dieser Welt seine Aufgabe der Fortpflanzung zu erfüllen habe. Also lieber zeugen, für die Zukunft. Aber was für eine Zukunft soll das sein?

Betrachtet man die aktuell unaufhaltsam explodierende Weltbevölkerung und deren Auswirkungen auf Ressourcen, andere Lebewesen und die Umwelt, dürfte klar sein, dass die uneingeschränkte Reproduktion des Menschen den Karren schon demnächst ganz ordentlich gegen die Wand fahren wird. Wenn wir darüber nicht eh hinaus sind, denn schon jetzt wären 1,5 Erden nötig, um den Ressourcenverbrauch des Menschen zu decken.1
Das Bewusstein für die Endlichkeit der Erdressourcen sowie für die dramatischen Folgen ökologischer Ungleichgewichte auf alles Leben ist da. Die Ursache dessen ist klar im Menschen und dessen Handeln zu finden. Und zwar zum einen in der eigenen Masse, sowie auch in der Masse an Dingen, die der Mensch benötigt bzw. glaubt zu benötigen. Vor allem in der Befriedigung unserer nicht existenziellen Bedürfnisse sind wir Meister der Verschwendung und der Zerstörung. Aktuell wird dieser Planet von fast 7,3 Mrd. Menschen bevölkert, bis 2050 werden es schätzungsweise 9,7 Mrd. sein.2

Zu viele Menschen wollen zu viel. Zu viel Lebensraum, Nahrungsmittel und Wohlstand. Dass die in den letzten Jahren stark aufholenden sogenannten „Schwellenländer“, wie beispielsweise China oder Indien, es nur bedingt einsehen, Umweltstandards einzuhalten, die dem Drang nach dem wirtschaftlichen Aufstieg entgegenstehen, ist verständlich. Schließlich haben führende „Wirtschaftsmächte“ wie beispielsweise Deutschland sich die Ignoranz und Gier bereits zu einem früheren Zeitpunkt herausgenommen.
Antinatalistisch argumentiert, müsste nun gerade in diesen wirtschaftlich extrem hungrigen und gleichzeitig überbevölkerten Ländern eine klare Begrenzung der Reproduktion durchgesetzt werden, um die Grundlagen für ein lebensfähiges Ökosystem und somit für eines, das den Menschen (er-)tragen und ernähren kann, zu sichern. Aus dieser Sichtweise ist die Ein-Kind-Politik in China, die 1979/1980 als Reaktion auf ein explodierendes Bevölkerungswachstum eingeführt wurde, zu befürworten. In der Theorie sollte (Vergangenheitsform, da sie im Oktober dieses Jahres endgültig abgeschafft wurde) diese in erster Linie Hungersnöte verhindern und einen wirtschaftlichen Fortschritt ermöglichen.
Wenn wir uns nun aber anschauen, was die staatlich verordnete Begrenzung der Bevölkerung für den einzelnen Menschen bedeutete, ist klar, dass eine antinatalistische Haltung nichts sein darf, was von oben durchgesetzt wird. Von den sozialen Problemen der verwöhnten Einzelkindgeneration und der Überalterung der Gesellschaft mal ganz zu schweigen, meine ich hier eher die brutalen Auswüchse an Misshandlungen und Nötigungen, die zahlreiche Mädchen, Frauen und Familien erleiden mussten: (Zwangs-)Abtreibungen, Kinderhandel (aufgrund eines akuten Mädchenmangels), Zwangssterilisierungen, Abgabe von Mädchen in Waisenhäuser und sogar Tötungen durch die eigenen Eltern. Nachzulesen sind diese Konsequenzen beispielsweise in Mo Yans “Frösche” (2013).3

Ein Zwang von oben darf sie also nicht sein, die Bevölkerungsbegrenzung. Aufklärungskampagnen, wie Walter sie in Jonathan Franzens „Freedom“ plant, wären eher angebracht. Der Vogelliebhaber und -beobachter nimmt die oben erwähnte Zerstörung der Umwelt und somit des Lebensraumes vieler, vieler Mitlebewesen als Ausgangspunkt, um den weiteren Zuwachs an Menschen bekämpfen zu wollen:

You remember Aristotle and the different kinds of causes? Efficient and formal and final? Well, nest-predation by crows and feral cats is an efficient cause of the warbler's (Vogelart) decline. And fragmentation of the habitat is a formal cause of that. But what's the final cause? The final cause is the root of pretty much every problem we have. The final cause is too many damn people on the planet. It's especially clear when we go to South America. Yes, per capita consumption is rising. Yes, the Chinese are illegally vacuuming up resources down there. But the real problem is population pressure. Six kids per family versus one point five. People are desperate to feed the children that the pope in his infinite wisdom makes them have, and so they trash the environment. […] There's hardly a problem in the world that wouldn't be solved or at least tremendously alleviated by having fewer people. And yet we're going to add another three billion by 2050. In other words, we're going to add the equivalent of the world's entire population when you and I were putting our pennies in UNICEF boxes. Any little things we might do now to try to save some nature and preserve some kind of quality of life are going to getoverwhelmed by the sheer numbers, because people can change their consumption habits – it takes time and effort, but it can be done – but if the population keeps increasing, nothing else we do is going to matter.

Vor allem aus der veganen Perspektive sollten wir uns klarmachen, dass alles Leben, welches wir erschaffen, zweifelsohne zu der Beeinträchtigung und Zerstörung anderen Lebens führen wird. Ob durch nicht-vegane Ernährungsformen, durch die Zerstörung und Vergiftung von Lebensraum zugunsten von Industrie, Straßen- und Wohnungsbau, durch die Gewinnung von Acker- und Weideflächen, durch unsere Mobilität etc. – im Grunde können wir keinen einzigen Schritt tun, ohne zu töten. Das Hineinsetzen von weiteren Menschen in diese Welt bedeutet ein Hinzufügen von Gewicht zu derjenigen Waagschale, die eh schon seit langem schwer auf dem Boden hängt.
Die eigenen Nachkommen werden höher gestellt als andere Lebensformen. Das ist in puncto Elternliebe auch verständlich und vermutlich natürlich, jedoch dürfen wir uns der Verantwortung nicht so leicht entziehen. Machen wir uns nichts vor: Wir bringen ignorante Wesen auf die Welt, welche die eigene Vormachtstellung in verschiedenster Weise ausnutzen werden.

Die Befürwortung einer antinatalistischen Haltung zugunsten der Bewahrung eines lebensfähigen Ökosystems und des Schutzes von anderem Leben sollte nachvollziehbar sein. Jedoch ist sie vermutlich zu weit weg von dem, was uns wirklich bewegt. Schließlich können wir noch immer sagen: „Sollen doch die Leute in den Entwicklungsländern erstmal anfangen, weniger Kinder zu kriegen, wir hier sind mit unseren knapp 1,4 Kindern im Schnitt sicher nicht das Problem.“
Gehen wir also einmal weg von uns, die wir ohnehin schon existieren, und hin zu denjenigen, die in der Zukunft existieren könnten aber nicht müssen. Mit unserer Angst vor dem Tod scheinen wir zu signalisieren, dass das Leben etwas sei, woran es unbedingt festzuhalten gelte. Was jedoch, wenn unser Leben in Wahrheit viel mehr Leiden bedeutet als Glück und wenn auch das Glück, welches wir durchaus empfinden, insgesamt das Leiden nie aufwiegen kann, weil Leid schwerer wiegt als Glück?

Daß Tausende in Glück und Wonne gelebt hätten, höbe nie die Angst und Todesmarter eines Einzigen auf: und ebensowenig macht mein gegenwärtiges Wohlsein meine frühern Leiden ungeschehen. Wenn daher des Übeln auch hundert mal weniger auf der Welt wäre, als der Fall ist, so wäre dennoch das bloße Dasein desselben hinreichend, eine Wahrheit zu begründen, welche sich auf verschiedene Weise, wiewohl immer nur etwas indirekt ausdrücken läßt, nämlich, daß wir über das Dasein der Welt uns nicht zu freuen, vielmehr zu betrüben haben - daß ihr Nichtsein ihrem Dasein vorzuziehen wäre, daß sie etwas ist, was im Grunde nicht sein sollte.4

Der erstrebenswerte „Grundzustand“ ist Zufriedenheit, ein gelassenes Interesse für das Weltgeschehen, für zwischenmenschliche Erfahrungen und für das Durchleben einer Abfolge an verschiedenen Ereignissen namens Alltag. Im Grundzustand gibt es kein besonderes Leid. Das Gemeine jedoch ist, dass die Freiheit von Leid und Schmerzen nicht gleichzusetzen ist mit Erfüllung und Freude darüber, dass wir keinen Schmerz empfinden. Kurz gesagt: Wir fühlen den Schmerz, aber nicht die Schmerzlosigkeit.
Fast ununterbrochen da ist zudem die Sorge in mannigfaltiger Gestalt. Wir rennen ruhelos durchs Leben, sind immer auf der Suche. Die unablässige Mühe erschöpft uns. Und zwischendrin blitzen Fenster der Erkenntnis auf, die uns zeigen: Was wir wirklich wollen, das ist hier nicht zu finden. Wir versuchen es trotzdem weiter, bis zum Tod.
Und dabei gilt dies auch (oder gerade?) für Menschen, die in vermeintlichem Wohlstand leben, die nicht rennen müssten, sondern sich zurücklehnen könnten. Denn der Wohlstand kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir in der ständigen Gefahr leben, alles Gute wieder zu verlieren. Existenzangst, ungewisse Zukunft, das Gewahrwerden der zerstörten Welt um uns herum, überraschende Schicksalsschläge, Alter, Krankheit, Verarmung, Isolation und anonymes Sterben ereilen uns, ohne dass wir uns dagegen in besonderer Weise wappnen könnten.
Viele Menschen auf dieser Welt erleben das Leiden täglich und zwar ohne Aussicht auf Besserung. Zudem ist davon auszugehen, dass das Leiden mit zunehmendem Alter stärker wird, nämlich während die Aussichtslosigkeit der eigenen Existenz und das unabwendbare Hinlaufen zum Tode ihm immer präsenter wird.
Klar, es gibt die Möglichkeit, sich fatalistisch seinem Schicksal zu fügen, alles anzunehmen, was kommen mag, irgendwo extern (zum Beispiel in Gott) eine Quelle der Kraft zu suchen und das Leben zu erdulden. Es ist möglich, dass Menschen, die objektiv großes Leid erfahren müssen, subjektiv weniger Leid empfinden als jene, von denen wir behaupten könnten, es gehe ihnen doch ganz gut.
Überleben, Erdulden und Ertragen sind Zeichen von Tapferkeit, jedoch nicht von Glück. Sie verteidigen nicht die Idee, dass das am-Leben-Sein ein zu befürwortender Zustand sei. Worum es geht, ist die Wahl zwischen einer Tapferkeitsmedaille für die würdevolle Bewältigung einer eigentlich nicht zu bewältigenden Situation und des ewigen Friedens durch Nichtsexistenz.

Bei all dem Leid, was ein Mensch im Laufe seines Lebens voraussichtlich erfahren wird, erscheint mir das im folgenden beschriebene Verhalten tröstlich:

Die Trauser machen es sonst ganz wie die übrigen Thraker, bei der Geburt und beim Tode eines Menschen aber haben sie besondere Bräuche. Wird ihnen ein Kind geboren, so kommen die Verwandten zusammen und bejammern es der Leiden wegen, die ihm im Leben bevorstehen, wobei sie alle Leiden aufzählen, die einem Menschen zustoßen können. Wenn aber einer stirbt, bringen sie ihn fröhlich mit Sang und Klang unter die Erde, weil er nun aller Leiden ledig und zum seligen Leben eingegangen ist.5

Eltern tragen eine unerfüllbare Verantwortung. Zwar tun sie zumeist alles in ihrer Macht stehende, um ihrem Kind ein möglichst gutes Leben zuteil werden zu lassen. Jedoch ist es vollkommen egal, wie groß diese Mühe auch sein mag, sie wird nicht reichen, um das Leid von dem neuen Menschen abwenden zu können.
Wer aber fragt nun die noch nicht Geborenen nach ihrem Wunsch, sich diesem ständigen (Über-)Lebenskampf zu stellen? Jeder Mensch ist ihm von der Geburt an ausgesetzt und muss alles Leid, was ihm widerfährt, letztlich alleine durchleben. Wir mögen glauben, dass eine liebevolle Erziehung und eine Vermittlung von Werten, die das Kind zu einer Entscheidung über recht oder unrecht befähigen soll, ausreichend ist, um eine gute Basis zu schaffen für ein gutes Leben. Ein Kind zu zeugen und zu gebähren bedeutet jedoch immer, für ein anderes Lebewesen entschieden zu haben. Das Risiko, dass dieses Lebewesen irgendwann der Meinung sein wird, dass es besser nie existiert hätte, ist immer da. Wir lassen den Menschen, den wir in die Welt geholt haben, gegen Wände und in Messer rennen.

David Benatar, Philosophieprofessor in Kapstadt, untersucht in seinem Buch „Better never to have been“6 die ethische Existenz-Asymmetrie. Er geht davon aus, dass jede Existenz grundsätzlich dauerhaft mit einem schweren Leid verbunden sein wird. Selbst ein „gutes“ Leben – wie auch immer ein solches aussehen mag – reicht für ihn nicht aus, das Leben ansich zu befürworten. Erstens erscheint ihm dies als unwahrscheinlich, zweitens würde ein Mensch, der nie gelebt hätte, dieses „gute“ Leben auch nicht vermissen können.
Wenn davon auszugehen ist, dass die Existenz von Leid schlecht ist und die Existenz von Leid gut, dann bedeutet dies, dass die Nichtexistenz von Leid gut ist. Allerdings, und dies ist Benatars entscheidendes Argument, ist die Nichtexistenz von Glück nicht schlecht, d.h. es ist ihm zufolge nicht schlecht, dass ein Mensch, der ein „gutes“ Leben gehabt hätte, nie leben wird, da er sich dem Glück, das ihm widerfahren wäre, nicht beraubt fühlen kann.
Der Punkt ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der noch ungeborene Mensch ein unglückliches und leidvolles Leben haben wird, als viel höher eingeschätzt wird.

Ich bin nun also auf dem Stand, dass die Zeugung neuer Menschenwesen zum Schutz der Umwelt und der Mitlebewesen sowie aufgrund der Wahrscheinlichkeit, dass der neue Mensch ein leidvolles Leben haben wird, abzulehnen ist. Nun könnte ich immernoch sagen: „Um die Erde zu einem besseren, nachhaltiger belebten und friedvolleren Planeten zu machen, braucht es Menschen die Schritte in die richtige Richtung unternehmen und eine Bewegung der Hoffnung anführen. Daher möchte ich Kinder bekommen, denen ich den entscheidenden Input geben kann, damit sie sich in diese Richtung bewegen werden.“
Warum jedoch sollten dies leibliche Kinder sein? Gehe ich davon aus, dass es nicht plötzlich nur noch Kinder auf dieser Welt geben wird, die liebevoll und klug umsorgt, beschützt und belehrt werden, wird es Kinder geben, die eben diese Dinge aufgrund verschiedenster Umstände nicht bekommen können. Wäre es nicht vernünftiger, diesen Menschen zu einem „guten“ Leben zu verhelfen, anstatt noch mehr Kinder in die Welt zu setzen, die höchstwahrscheinlich im Laufe ihres Lebens sehr viel leiden werden müssen? Damit wäre zumindest die Schuld, die es bedeutet, einen neuen Menschen diesen Qualen auszusetzen, vermieden. Und ist es nicht so, dass alles, was an Gutem an einen Mensch getragen wird, der mit nichts davon hat rechnen dürfen, auf viel fruchtbareren Boden fällt, als wenn ein Mensch von vornherein mit der Erwartung groß wird, dass ihm Gutes widerfahren wird und alles Gute nur eine Bestätigung dessen sein wird, während alles Leid als unverdient und daher als noch viel schlimmer erfahren wird?

Abschließend bleibt mir nur, demütig zu sein und einzugestehen, dass alle vernünftigen Argumente gegen eigene Kinder sich stets dem emotionalen Wall stellen müssen, der sich aus übernommenen Werten, verkitschten Zukunftsträumereien und etwas (oder viel?) Biologie speist. Unabhängig davon, wie die Einzelperson sich entscheiden mag, ist es aber notwendig, die Tragweite der eigenen Entscheidungen anzuerkennen. Niemand ist eine Insel.

  1. WWF Living Planet Report 2014

  2. https://www.un.org/development/desa/en/news/population/2015-report.html

  3. Yan, Mo: Frösche (Hanser 2013)

  4. Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung

  5. Herodot, Buch 5

  6. Benatar, David: Better Never to Have Been. The Harm of Coming into Existence (Oxford University Press 2008)