... sed in errare perseverare diabolicum

Bernhard H.F. Taurecks Manifest des Veganen Humanismus ist mehr ein spätpolitisches Programm als eine philosophische Abhandlung. Ein Programm, das so spät eintrudelt, daß man es für die Eule der Minerva halten könnte.
Es reiht sich dabei in die Schriften des Autors über das bedingungslose Grundeinkommen und die NSA nahtlos ein. Taureck ist ein philosophe engagé, könnte man sagen.
Er holt dabei sehr weit aus, um sein Programm zu formulieren und geht dabei eine alternative Route durch mehrere Stationen des Humanismus. Selbstverständlich kommen die Griechen vor und auch die französischen Moralisten und Immanuel Kant, selbst Pindar, Rilke, Hölderlin und einige Vorsokratiker. Natürlich fehlen dafür Andere (zum Beispiel Steve Roggenbuck). Es handelt sich um eine Auswahl aus dem Kanon. Diese Auswahl soll zeigen, daß der Humanismus nicht nur veganisiert werden kann, sondern dies auch ideengeschichtlich naheliegt. Wir befinden uns mitten in der veganen Seinsvergessenheit.
Das ist die starke These, die Taureck ganz im Stile des pensiero debole entfaltet, welcher ihm methodisch seit seiner Beschäftigung mit Metpahorologie und französischer Postmoderne zueigen ist.
Leider gesellen sich zu den starken Thesen und plausiblen politischen Forderungen nur selten analytische Sorgfalt und philosophische Tiefe. Mit philosophischer Tiefe meine ich keinesfalls ein metaphysisches Raunen, sondern die Bereitschaft, die grundsätzlichen Probleme in der Tiefe des aktuellen Diskurses zu verhandeln (dazu später mehr). Daß zum Beispiel Zoopolis von Donaldson/Kymlicka keine Beachtung findet, Karen Duve, Jonathan Safran-Foer und Hilal Sezgin dagegen schon, spricht für sich. Es sagt aus, daß das Buch sich vor allem mit der Art von Literatur befasst, die viel will, aber nicht weiß, wie genau oder in einer beklagenswerten Art die Kriterien intellektueller Redlichkeit verletzt (Duve, Foer, Stichwort: „Die Menschen dort abholen, wo sie sind“). Ich nenne sie tentativ Abprall-Texte weil sie argumentativ darauf ausgelegt sind, an den dogmatischen Schutzbehauptungen der Kritiker abzuprallen.

Zentral in Taurecks Gedankengang sind neben der veganen Seinsvergessenheit:

  1. Das Unterscheiden zwischen Quellen- und Strömungswesen
  2. Eine Abkehr vom Konzept der Tierrechte
  3. Ein Konzept der Entnutzung der Fauna, das allerdings nicht bis zum Ende durchdacht ist
  4. Eine Lesart Kants gegen den Strich, um sich (überhaupt) keine methodischen Fragen stellen zu müssen

Bevor ich auf die Punkte näher eingehe, möchte ich Taureck zugute halten, daß er hin und wieder ein passabler Stilist ist.

Lämmer verspeist man, als äße man sein Geschmackserlebnis

oder

Eine Ethik der Suche bleibt vermischt mit einer Suche nach Ethik

Doch auch Taureck ahnt, wann es etwas zuviel des Guten sein könnte, wenn er etwa schreibt:

Fleisch: Lébensqualität, mit dem Akzent auf der ersten Silbe. Aus veganer Sicht ist Fleisch ebenfalls Lebensquálität, allerdings mit dem Akzent auf der zweiten Silbe und mit gedehnt gesprochenem a: »qual«. Eine winzige Ausspracheverschiebung enttarnt den Charakter ertrotzten Glücks namens »Lebensqualität«.

Taureck spricht hier aber selbst nicht untrotzig von einer „Enttarnung durch einen Kalauer“ (seinen eigenen).

Kommen wir nun zu den Problemen, die ich mit seinem Manifest habe.
Taurecks zentrale Unterscheidung zwischen Quellen- und Strömungswesen ist metaphorischer Art. Ob damit irgendetwas gewonnen ist, sei dahingestellt. Tatsache ist aber, daß sich mit jeder Art von übertragener Rede weitere Präzisionsprobleme ergeben, auf die man gut verzichten könnte. Darüberhinaus mutet die Unterscheidung verdächtig bekannt an. Daß nur Menschen über ein Geschichtsbewusstsein verfügen, ist eine so alte (etwa Nietzsche in der zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung) wie sachlich irrelevante Tatsache, wenn es um eine ethische Bewertung geht. Taureck handelt sich damit auch die alten Probleme des humanen Suprematieanspruchs ein, die das Geschichtsbewusstsein zur Voraussetzung für Freiheit und Würde machen und alle wichtigen Rechte aus dieser ableiten. Gebetsmühlenartig versucht Taureck deshalb die Suprematie der Tiere in ihren Spezialfähigkeiten hervorzuheben.

Taurecks Problematisierung von Tierrechten mit dem Verweis auf die erforderliche Interpretation und Vertretung durch Menschen, ist in keinster Weise ein Argument gegen eine normative Berücksichtigung. Taurecks Angst vor einer Anthropo-Administration, die sich nach wie vor in die Belange der Tiere einmischen würde, verkennt, daß wir keine 1:1-Übertragung menschlicher Rechte auf Tiere fordern und genauso wenig eine Überforderung von tierischen Rechtsträgern durch Anpassung an einen einheitlichen Rechtsrahmen verlangen (etwa die Straßenverkehrsordnung). Es ist geradezu schockierend, daß Taureck hier mit einem unscharfen Rechtsbegriff operiert und offenbar an nichts anderes als an Straßenschilder denkt, wobei ich mir relativ sicher bin, daß hier nicht mehr als der klassische Unterschied von Recht und Gerechtigkeit Ausdruck finden soll (also die Skepsis gegenüber der Justiz und der Legislative, wenn man so will. Genauso könnte man aber fordern, die Rechtssprechung ganz abzuschaffen, weil Menschen das Rechtssystem dazu verwenden, um andere Menschen auszubeuten). Den Einwand, daß auch Demenzkranke und ungeborene oder frischgeborene Menschen (sogar universelle) Rechte genießen, wischt Taureck mit einer unlogischen Handbewegung zur Seite, die ich leider in keinster Weise nachvollziehen kann, weshalb die Stelle (S. 102) für mich zu den schwächsten Momenten dieses Manifests gehört:

Tierrechtler kontern das Bedenken, Tieren Rechte zu verleihen, die sich nicht »vernünftig« verhalten, mit dem Argument, dass wir Säuglinge und Demenzkranke als Rechtspersonen behandeln. Diese Analogie wirkt nur auf den ersten Blick plausibel. Denn sie misst Quellenwesen mit dem Maß von Krankheit (Demenz) oder von sich entwickelnder Intelligenz (Säuglinge). Dieses Maß aber verfehlt den unserem Verständnis entzogenen Eigenstatus der Tiere als Quellenwesen. Diese besitzen nämlich Spezialfähigkeiten...

Offenbar hat Taureck ein Problem damit, daß Tiere Spezialfähigkeiten besitzen und will ihnen deshalb aus formalen Gründen Rechte absprechen. Ich denke zwar nicht, daß er das gemeint hat, aber die Unausgereiftheit seiner Gedanken im Bezug auf mögliche Rechte von Tieren tritt hier deutlich zutage und lässt diese Interpretation zu.
Sie werden an anderer Stelle immerhin noch mit einem anderen Argument gestütz: Die Verankerung des Tierschutz im Grundgesetz hat nach Meinung von Bernhard Taureck nicht zu einem Schutz der Tiere geführt, sondern zu einem Schutz der Verfügungsrechte über Tiere durch Tierausbeuter.
Ich halte das eindeutig für zu kurz gegriffen, auch wenn es in der Praxis so aussehen mag, als würden wir Tiere nur deshalb in einen Rechtsrahmen aufnehmen, um besser über sie verfügen zu können. Ein kompletter Rückzug aus der Verantwortung wäre aber in anderer Weise fatal.

Um es mit den Worten von Donaldson/Kymlicka zu formulieren:

many current proposals for reforming the status of domesticated animals are just a veneer for continued exploitation. However, it is premature to claim that the best or only way to redress the injustices suffered by domesticated animals is to seek their extinction. Historic processes of domestication were unjust, as is the existing treatment of domesticated animals, but histories of injustice (in both the human and animal cases) often generate ongoing responsibilities to try to create new relationships that comply with norms of justice. (Zoopolis, S. 63)

An dieser Stelle sind wir nun bei Taurecks Konzept der Entnutzung der Fauna.
Taureck sieht weder im artgerechten Umgang, noch in der menschlichen Repräsentation von Tierrechten eine Lösung. Als Konsequenz fordert er eine Lösung, die „alle Halbheiten der Mensch-Tierbeziehung verlässt“ und eine „vollständige Entflechtung der Fauna von den Menschen“. (S. 117).

Ob das realistisch sei, darauf hat Taureck seine eigene Antwort:

Da »Realisten« oft Personen mit geringfügig ausgeprägter Vorstellungskraft sind, sei ihnen zugestanden, dass sie mit jedem weitrechenden Vorschlag ein Problem haben und nicht selten genau das für unmöglich erklären, was alsbald verwirklicht wurde

Ich wage an dieser Stelle dennoch zu behaupten, daß der Anspruch Taurecks, sich vollkommen aus der Fauna zurückzuziehen, absolut unrealistisch ist. Er klingt wie von der Sorte „Raus aus Afghanistan!“. Dann kommen aber nicht nur Fuchs und Löwe, sondern Elfenbeinjäger und Konsorten.
Donaldson/Kymlicka schaffen es dagegen, durch ihren, ebenfalls nicht sehr anspruchslosen, Entwurf, das Problem der Mensch-Tier-Beziehungen erst sensibel und ohne die pathetische Geste eines programmatischen Neuanfangs zu addressieren.

Zu guter Letzt möchte ich noch eine Kritik an Taurecks ethischem Fortschrittsbegriff anbringen, welcher eingebettet ist in eine Diskussion über den Status von Moral und Sittlichkeit bei Kant.

Taureck sieht Kant zurecht nicht als großen Vordenker einer Tierethik, auch wenn man ihm das Verrohungsargument zugute halten muss, wonach Menschen auch zueinander grausam werden, wenn sie Tiere nicht mit dem notwendigen Respekt behandeln.
Seinen eigenen Versuch würde Taureck gerne als nicht-moralische Ethik klassifizieren, die sich sowohl von moralischen Ethiken (gemeint ist dabei eine relative Sittlichkeit), als auch von Kants Pflichtethik abgrenzen würde. Leider führt er nicht genau aus, worin diese Ethik genau besteht, wenn man sie mit anderen Ethiken vergleichen würde, die sich die Frage stellen, wie sie ihre ethischen Ansprüche ontologisch formulieren. Metaethisch, so könnte man sagen, hat Taureck keine Grundlegungsansprüche, denn er ist auf der Suche.

Für Taureck, und hier besteht der große Knackpunkt, besteht seine Ethik noch gar nicht, sondern sie soll erst noch gefunden werden - auf dem Weg, den er vorzeichnet. Er fühlt sich dabei in der Nähe von Jacques Derrida, der ja sagte, daß die Demokratie auch noch nicht existieren würde, sondern »à venir« sei, also im Kommen.

Dies ist einerseits aufrichtig und andererseits bequem. Taureck beteiligt sich nicht an den wirklich interessanten Fragen, die es zu beantworten gilt, sondern sieht sich vielmehr in der Rolle, eine generelle Richtung vorgegeben zu haben als Ideen- oder Stichwortgeber, indem er den hinreichend problematischen Begriff des Humanismus (Nietzsches Aphorismus 333 in der Morgenröte) um die notwendige Ergänzungsformel des Veganen vervollkommnet und Heideggers „Hirte des Seins“ zum „Wirt des Seins“ werden lässt. Das klingt gut aber mehr auch nicht. Im Unterschied zu Kant versucht er nicht, seine Ansprüche zu fundieren, weshalb es sich anfühlt, als würde Taureck mit seinem Buch an einer losen Schraube drehen und mit jeder Drehbewegung den Anschein erwecken, als wäre ein Fortschritt erzielt. Zusammen mit Duve und Safran-Foer tritt er konzeptuell mehr oder weniger auf der Stelle. Der vegane Transhumanismus ist da schon weiter.

Interview mit Bernhard H. F. Taureck auf vegan.eu

Bernhard H.F. Taureck, Manifest des Veganen Humanismus. Wilhelm Fink, Paderborn 2015