Die negative Freiheit des Veganismus

Es fällt einem vielleicht auf, daß es beim Vegansein ausschließlich um ein Nicht-Konsumieren von Nahrungsmitteln und Konsumgütern geht, sowie um die Vermeidung von gewissen Verhaltensweisen. Dies ist aber nicht immer auf den ersten Blick sichtbar, weil vegane Produkte separat im Sortiment und auf der Speisekarte auftauchen. Quasi als Zusatz zum schon Vorhandenen. Als mehr Konsumvielfalt statt weniger.

Nie tritt außerdem der Fall ein, wo ein Veganer etwas zu sich nähme, was Nicht-Veganern verwehrt bliebe und so gut wie jeder Veganer könnte Fleisch essen, wenn er wollte.

Das Wesentliche am Vegansein muss also im freiwilligen Verzicht liegen.

Was kann also der Anreiz sein, vegan zu leben, wenn es nichts zu gewinnen und nur zu verzichten gibt?

Meine These lautet, daß wir es hier mit einer negativen Form von Freiheit zu tun haben, die nichts anderes ist als das Bemühen um Verantwortung, welche man wiederum eigentlich gar nicht will. Das Annehmen eines zu Negierenden so to say.

Negative Freiheit ist klassisch definiert als „Freiheit von etwas“, wohingegen die positive Freiheit als „Fähigkeit zu etwas“ verstanden wird.
Freiheit, negativ definiert, besteht darin, nicht tun zu müssen, was man ablehnt. Diese Form der Freiheit ist es auch, die uns als Gefühl der Befreiung vorkommt, wenn wir sie erleben. Das Machtgefühl dagegen, etwas tun zu können, wozu Andere nicht in der Lage sind oder wir es bis vor kurzem selbst nicht waren, kommt einem nach dem Abflauen der ersten Euphorie wie eine zusätzliche Last vor: Die Last der Verantwortung und Tatendrang.

Last der Verantwortung einerseits, weil eine Fähigkeit oft zur Handlung verführt und vermeintlich zu ihr berechtigt und andererseits, weil man sich nie sicher sein kann, worin das richtige Handeln letztendlich besteht. Ein Handelnkönnen bedeutet noch nicht, daß man weiß, wozu das langfristig gut sein soll. Handeln bedeutet auch immer, in Kauf zu nehmen. Und juristisch ist das In-Kauf-Genommene fast dasselbe wie das Gewollte. Das fahrlässig Gewollte vielleicht.

Es gibt zwar die geläufige Formel des Willens zur Macht aber man spricht selten vom Willen zur Verantwortung. Die Verantwortung wird kaum je gesucht, sie ist immer schon da und zwar im Überfluß.
Deshalb der bei vielen Menschen angeborene Reflex: Nein, wir wollen eben nicht verantwortlich sein. Man kann die Verantwortung also annehmen, um sie loszuwerden oder sie von vornherein übersehen und ausblenden.

Der Veganismus wäre in einer Welt ohne Verantwortung tatsächlich nichts weiter als eine Einschränkung ohne Sinn und Zweck. Eine Geschmacksverirrung. Doch die Welt ist voller Verantwortung, weil uns immer jemand nach unseren Gründen fragen könnte, ob wir wollen oder nicht.