Animal suffering: It is what it is

Marina Keegan versuchte in ihrem kurzen Leben etwas zu erreichen und dazu gehörte auch erwachsen zu sein. Erwachsen sein heißt manchmal Haltungen abzustreifen, die sich nicht halten lassen, oder nur schwer.

In ihrem 2009 veröffentlichten und 2015 postum auf deutsch erschienenen Text geht es um die Frage "Why we care about whales".
Sie selbst war vor Ort und half mit als 50 gestrandete Wale ins Meer zurückgeschoben wurden, von denen nur 27 gerettet werden konnten und musste, nicht zu resigniert, sondern eher mit Aha-Effekt feststellen:

People are strange about animals. Especially large ones. Daily, on the docks of Wellfleet Harbor, thousands of fish are scaled, gutted and seasoned with thyme and lemon. No one strokes their sides with water. No one cries when their jaws slip open. [...]

I worry sometimes that humans are afraid of helping humans. There’s less risk associated with animals, less fear of failure, fear of getting too involved. In war movies, a thousand soldiers can die gruesomely, but when the horse is shot, the audience is heartbroken. It’s the “My Dog Skip” effect. The “Homeward Bound” syndrome.

Der Text könnte an dieser Stelle auch die andere Richtung genommen haben und das Töten der kleinen Fische kritisieren aber so ist das nun mal mit Ausfahrten. Wenn man sie nicht nimmt, geht es in eine andere Richtung weiter. Der Essay erinnert mich dabei in seinem Bemühen um das Klarkommen mit den Ist-Zuständen der Welt ein wenig an die Argumente aus einem von Tierversuchsbefürwortern gerne in Instituten ausgehängten Zeitungs-Kommentar, der etwas später in der Süddeutschen zum Thema Tierversuche erschienen ist.
Die Welt ist also nicht nett. It is what it is. Deal with it.
Denn vor allem bei Tierversuchen, und hier noch stärker als woanders, wird die utilitaristische Behandlung der Spezieszugehörigkeit zum zentralen Argument, das auch bei Keegan nicht fehlt:

In theory I can say that our resources should be concentrated on saving human lives, that our “Save the Whales” T-shirts should read “Save the Starving Ethiopians.” Logically, it’s an easy argument to make. Why do we spend so much time caring about animals? Yes, their welfare is important, but surely that of humans is more so. Last year a non-profit spent $10,000 transporting a whale to an aquarium in Florida, where it died only three days after arriving. That same $10,000 could have purchased hundreds of thousands of food rations. In theory, this is easy to say.

Aber sie soll es doch offenbar sein? Nett. Die Welt sollte netter sein für alle Äthiopier und alle anderen Menschen und auch für alle Wale. Doch nett ist zu anspruchsvoll. Deshalb auch nur sollte.

Am Ende des Textes heißt es dann:

The moon pulled the waters forward and backward, then inward and around my ankles. Before I could find an answer, the whale’s jaw unclenched, opening slightly around the edges.

Marina Keegan ist mit 22 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Man mag das tragisch nennen, selbst wenn die Welt nicht von sich aus nett sein sollte.
Und daß ihr Text mit dem Sein und nicht mit dem Sollen schließt, macht dabei einen gleichwohl gewollt sympathischen Unterschied.

Ab und zu begegnet mir der Vorwurf, mein Engagement für Tierrechte verhindere, daß ich mich zum Beispiel für Kinder in Syrien interessieren würde. Oder mit den Worten Marinas:

When we hear that the lady on the next street over has cancer, we don’t see the entire town flock to her house. We push and shove and wet whales all day, then walk home through town past homeless men curled up on benches — washed up like whales on the curb sides.

In solchen Momenten wünsche ich mir, daß die Welt nicht ein sinkendes Schiff mit nur endlich vielen Rettungsbooten ist, sondern es darauf ankommt mehr davon zu bauen. Vor allem aber ist die Unterschätzung der emotionalen und praktischen Ressourcen für Empathie selbst ein Hinderungsgrund, überhaupt zu helfen. Denn wer behauptet, daß das Rettungsboot wegen syrischer Kinder jetzt schon voll sei, sagt bald auch, daß wir schließlich nicht jeden hier aufnehmen könnten und der Zeitpunkt der Überforderung schon längst eingetreten sei. Wir können nicht jeden retten. Beim Fleischessen zum Beispiel nicht mal vor uns selbst.

Auch auf deutsch erschienen: Marina Keegan, Das Gegenteil von Einsamkeit. Stories und Essays. Übersetzung Brigitte Jakobeit. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2015