Auf der Suche nach Vreunden

Die sozialen Bedürfnisse des einzelnen Menschen sind sehr unterschiedlich ausgeprägt, dennoch finden wir sicher einige gemeinsame Nenner. Unter anderem: Liebe, Nähe, Verbundenheit und Gemeinschaft. Uns steht ein riesiger Menscheneintopf zur Verfügung, aus dem wir uns rauspicken können, was uns schmeckt. Doch dabei stellt sich immer die Frage: Wie sieht unsere „Ist-super-geht-gerade-noch-geht-gar-nicht-Liste“ der Toleranz aus?
Im Laufe unseres Lebens verändern sich die Ansprüche, die wir an potentielle TeilhaberInnen an unserem Privatleben stellen. Gerade dann, wenn wir uns bereits mehr oder minder feste Haltungen und Werte erarbeitet haben, von denen wir nicht mehr abweichen wollen, sind die meisten von uns wohl etwas bestimmter und unflexibler geworden. Das hängt davon ab, was die Einzelperson sich von sozialen Bindungen (= Freundschaften und Partnerschaften) erhofft.
Eins ist jedoch klar: Setzen VeganerInnen einen nicht-veganen Lebensstil anderer direkt auf den „Geht-gar-nicht“-Teil der Prioritätenliste, schrumpft die Auswahl Menschen, mit denen sie eine engere Bindung eingehen könnten, drastisch zusammen. Der VEBU schätzte im Januar 2015 die Zahl der hierzulande lebenden VeganerInnen auf 900.000, was etwas über 1% wäre. Je nach Wohnort dürfte das die erfolgreiche Suche nach Gleichgesinnten sehr schwierig machen.

Wie wichtig ist der Veganismus als Lebensphilosophie innerhalb sozialer Beziehungen und warum ist es manchmal unmöglich, diesen Bereich auszuklammern? Veganismus ist nicht nur eine Ernährungsweise. Wir verzichten (mehrheitlich) nicht auf tierische Produkte, weil sie uns nicht schmecken, uns dick machen, wir allergisch darauf reagieren oder das der neueste Ernährungstrend wäre. Es geht um eine generelle, ethische Haltung gegenüber unseren Mitlebewesen. Darum, was wir richtig und falsch finden. Was wir befürworten und was wir verurteilen. Es geht um eine Wunschvorstellung davon, wie wir diese Welt gerne hätten. Es ist eine Meinung, eine Entscheidung und immer eine Hoffnung.
Wir wünschen uns von Menschen, die wir nahe an uns und unser Innerstes heranlassen, Verbundenheit und Verständnis. Und weil es in diesem Fall auch um einen Kampf geht, wünschen wir uns MitstreiterInnen. Veganismus sticht insofern heraus, als dass er als Lebensentscheidung so viele verschiedene Bereiche abdeckt. Die Ablehnung von Tierleid, das Streben nach einem ökologisch vertretbaren und nachhaltigen Lebensstil, eine empathische Haltung gegenüber den Schwächeren auf dieser Welt und ein starkes Bewusstsein für die eigene Rolle innerhalb dieser sind normalerweise Punkte, die VeganerInnen teilen. Es geht also nicht um oberflächliche Präferenzen.

Was Freundschaften betrifft, so sind wir meist noch bereit, Abstriche zu machen. Zum einen verschließen wir uns vor einer potentiellen Freundschaft zu Nicht-VeganerInnen weniger, als dies bei potentiellen PartnerInnen der Fall ist. Zum anderen sind die meisten von uns nicht immer vegan gewesen und werden nach der Umstellung nicht einfach Freundschaften aus vergangenen Zeiten auflösen – jedenfalls nicht aus diesem Grund. Wie tolerant die Einzelperson hier sein möchte, ist ganz unterschiedlich. Erfahrungsgemäß stößt man jedoch mit sehr fleißigen Fleischessern eher auf Probleme als mit der „Wenig-Fleisch-und-wenn-dann-nur-vom-Hofladen“-Fraktion oder gar VegetarierInnen. Das hängt damit zusammen, dass letztere die eigenen Beweggründe für einen veganen Lebensstil zumindest verstehen können, ihn sicher auch von einem rationalen Standpunkt aus befürworten würden, sich jedoch selbst (noch?) nicht dafür entscheiden wollen.

Bei Partnerschaften jedoch stoßen wir auf tiefere Probleme. Dieser eine Mensch soll es schließlich sein, den wir nicht nur stunden- oder tageweise in unserer Nähe haben wollen, sondern mit dem wir einer gemeinsamen Zukunft entgegenblicken. Dabei geht es nicht (in erster Linie) um den Einkauf verschiedener Joghurts und „komplizierte“ Restaurantbesuche. Wir wünschen uns eine Einheit, eine Verbindung aus Liebe, Verständnis, Anerkennung, Respekt, Wertschätzung und Übereinkunft. Wir wollen in unseren grundlegenden Werten und Haltungen von unserem Partner bzw. unserer Partnerin unterstützt werden und diese teilen.
Das hat mit dem Bedürfnis zu tun, eine gemeinsame Basis aufzubauen, die in ihren Grundfesten von beiden Seiten aus eine Stärkung erfährt. Wir erschließen uns das Wesen eines Menschen u.a. durch dessen Verhalten gegenüber anderen Menschen und Lebewesen. Wer die grundsätzlichen Überzeugungen von VeganerInnen nicht teilen kann, wird einen gewissen Bereich der emotionalen Nähe mit ihnen nie ganz erreichen. Da bleibt ein Zaun drumherum, mit 'nem fetten Schloss. Anstelle dessen entsteht das nicht verschwinden wollende Gefühl, dass „etwas fehlt“. Dass ein Aspekt, der die absolute Verbundenheit bedeuten kann, nie gänzlich erfahren werden wird. Das Ergebnis: Unzufriedenheit.
Es ist keine Frage, dass eine Partnerschaft zwischen einem vegan und einem nicht-vegan lebenden Menschen möglich ist und sehr häufig (auch aufgrund der bisher eher geringen Anzahl von VeganerInnen) praktiziert wird. Ich frage mich nur: Wie lange geht das gut und welches Level der emotionalen Nähe und Verbundenheit kann erreicht werden? Welche Kompromisse wollen wir eingehen und welche nicht? Wie kommen wir langfristig damit zurecht, dass die geliebte Person ein System unterstützt, dass unser Herz bluten und unseren Zorn schreien lässt? Und wann kommt der Zeitpunkt, ab dem wir dann einander anschreien?